Zusätzliches

Der Nekrolog: Georg Janett (1938–2014)

 

Kennengelernt habe ich ihn in Solothurn 1972 nach der Vorführung meines „Naiven Maler“-Filmes. Rainer Trinkler hatte ihm von mir erzählt. Er stand da in seinem Trenchcoat im leeren Saal an der linken Wand des Kinos Scala, nach der Vorführung des Filmes und wartete auf mich; den Kopf leicht geneigt, irgendwie fast scheu und respektvoll, mir entgegenschauend, wie er meistens war den Filmemachern gegenüber.

 

Sofort erkannte ich seine Persönlichkeit, seine Würde, seine Empathie, seine Neugierde für den andern, ein spezieller Mensch, interessiert einen „neuen“ Filmemacher kennenzulernen. Ich weiss nicht mehr, was dann passiert ist, ob wir zusammen essen gingen. Ich weiss auch nicht mehr, wann wir uns wieder sahen. Spätestens während der Montage des Landesverräter-Filmes, für den er die Supervision machte, zuerst einige Tage in Paris, dann in Zürich. Ich bat ihn, am Schneidetisch nicht zu rauchen, worauf er jeweils ans offene Fenster ging. Da es vermutlich Winter war, hat er sich dann auch prompt erkältet.

 

Gelernt habe ich von ihm als Cutter, nie zufrieden zu sein, alles immer wieder zu hinterfragen, immer wieder Neues auszuprobieren, selbst was man selber gut findet, kann man wahrscheinlich noch besser machen, etc. Manchmal hat es auch gestört, man findet einen Schnitt schön und genial, und dann meint der Georg das ginge nicht, oder eben, es gibt noch eine andere, seiner Meinung nach bessere Lösung. Sein Vorschlag gefällt einem zuerst nicht, man ist leicht frustriert, dann gewöhnt man sich daran und dann sagt man sich, vielleicht hat er ja recht. Er hatte wie eine andere Logik, an die man sich zuerst einmal gewöhnen musste.

 

Er war vernarrt in sein Gedächtnis, seine Erinnerungsfähigkeit, die er einem auch immer wieder vordemonstrierte. Ich sagte ihm jeweils: „Du musst mir nichts erklären, nur machen und zeigen“. Viele Jahre später hörte ich einmal, dass er über mich irgendwo gesagt hatte, mit dem Dindo zusammenzuarbeiten sei intellektuell spannend, sein Problem sei bloss, dass er sich nichts vorstellen könne. Aber wie gesagt: Warum muss ich mir etwas vorstellen können, was ich sehen kann?

 

Dann lud ich ihn zur Supervision des Max-Frisch-Filmes wieder nach Paris ein, nachdem ich den „roten Faden“ ziemlich verloren und schon über ein Jahr an diesem Film geschnitten hatte. Er hat mir da Ordnung hineingebracht, der komplexen, manchmal geradezu unübersichtlichen Struktur wieder einigermassen einen Sinn gegeben. Spätestens da hatte ich dank ihm begriffen, dass die Montage besser ist, je weniger man in einem Schnitt eine Absicht spürt. Die Idee dann, dass es effektiv am stärkten ist, wenn man den Eindruck bekommt, dass sich ein Film wie von selber macht, durch seine eigene, innere Logik und Konsequenz getrieben, dass alles irgendwie von selber funktionieren muss, in einem harmonischen oder komplexen, jedenfals selbstverständlichen Hinter- und Nacheinander.

 

Dann schnitt Georg „Dani, Michi, Renato & Max“, das einzige Mal bei mir, an dem er wirklich am Schneidetisch sass. Wir waren am Schluss ziemlich unter Stress wegen Solothurn. Einmal ist er mir davongelaufen, so gross war die Spannung. Ich wollte etwas und er nicht, oder umgekehrt. Er ist dann aber ziemlich rasch wieder zurückgekommen. Er sagte: „Ich habe auch nur Nerven“.

 

In den folgenden Jahren hat er oftmals Supervision gemacht, manchmal haben wir auch nur über meine Projekte gesprochen. Mit ihm reden hat mir immer geholfen, die eigenen Gedanken zu sortieren, zu klären, Entscheidungen zu fällen. Manchmal korrigierte er auch bloss mein Deutsch in meinen Exposés und Filmkommentaren.

 

Ich war in ein Stadium der Sicherheit und der Erfahrung gekommen, wo ich ihn einfach nicht mehr brauchte, um es blöd zu sagen, wo ich keine Verwendung mehr für ihn hatte, wo seine Hilfe nicht mehr notwendig war.

 

Ich glaubte jetzt da zu sein, wo sich ein Film effektiv von selber macht, konsequent, unerbittlich, unaufhörlich, unabwendbar, auf sein Ende zugehend, und wie dies meistens mit dem Tod der Hauptperson koinzidiert, die man zu Beginn des Filmes, dank der Magie der Worte und der Bilder wieder zum Leben erweckt hat, bevor man sie dramaturgischerweise wieder sterben lässt, und ihr Tod im Nachhinein als schicksalshaft erscheint.

 

In den letzten Jahren fragte ich mich manchmal, von was er eigentlich lebt, ob er noch Arbeit hat, einen Verdienst neben der Rente, überhaupt wie es ihm geht. Ich hatte mich schon darauf vorbereitet, wenn ich es einmal vermag, ihm finanziell ab und zu unter die Arme zu greifen. Ich wartete quasi auf einen Notruf via Rainer Trinkler über eine Geldsammlung für Georg, oder so etwas.

 

Er hat sich nie an die Computer gewöhnen können, er war eigentlich sogar ganz dagegen. Montage auf einem Computer zu machen war ihm ein Greuel, etwas Widernatürliches, eine Lästerung. Wie gewisse Schriftsteller bis ans bittere Ende lieber von Hand schreiben oder wenigstens mit einem Finger auf ihrer Schreibmaschine herumtippen, so meinte auch Georg, dass Film mit belichtetem Negativfilm und kopiertem Positivfilm zu tun hat, und dass man die in Gottes Namen von Hand schneiden muss. Alles andere war für ihn kein richtiges Kino. Wahrscheinlich dachte er das bis zum Schluss. Er, der sich am liebsten alles vorstellen können und den andern erklären wollte, fand, dass Video einen daran hindert zu denken, bzw. das Denken überflüssig macht, die Vorstellungskraft zerstört, ausser Betrieb setzt. Dass man mit Video einfach die Kamera herumschwenkt, drauflos filmt, es kostet ja nichts, sodass am Schluss eigentlich jeder Dubel Filme machen kann. Das hat er wahrscheinlich gedacht, auch wenn er es aus Höflichkeit niemals gesagt hätte. Jedenfalls nicht öffentlich.

 

Georg war in Sachen Film ziemlich konservativ. Einmal erzählte er mir mit Begeisterung von einer englischen Komödie, die er grossartig gefunden hatte. Eine unbekannte Komödie von einem namenlosen Autor, aber englisch, mit dem Humor nicht auf die Pfanne gehauen, sondern mit Understatement. Das hat ihm gefallen. Und das war er ja auch selber, eine Art englischer Gentleman mit seinem Trenchcoat, den er nie verlassen hat und seiner Liebe für das Schwarz-Weiss-Kino aus früheren Zeiten.

 

Wir haben allerdings nie gross über Filme diskutiert. Nicht nur hatten wir nicht denselben Geschmack, ich weiss auch nicht, was er überhaupt alles gesehen hatte und wo genau in der Filmgeschichte er stecken geblieben war. Im Gegensatz zu mir, der ich ein Kind der französischen Cinémathèque bin und all der Spielfilme, die ich dort gesehen habe, war er mehr geprägt von der Praxis, als Regieassistent von Kurt Früh zum Beispiel, den er verehrte. Die „Meister“ des Kinos sagten ihm nichts Besonderes. Ich weiss nicht, ob er überhaupt Vorbilder hatte. Er gehörte zu jenen, die lieber alles selber denken, alles selber erfinden, dann aber auch im Kleinen hängen bleiben, in der Provinz. Grosse Träume waren ihm fremd. Quasi aus deutschweizerischem Misstrauen blieb er immer sehr vorsichtig auch mit Lob und solchen Dingen, Begeisterungsfähigkeit war nicht seine Stärke. Aber das kennen wir ja. Das ist einfach so im Bauernstaat.

 

Einmal sagte er jemandem, vielleicht auch mir, spätestens mit 40, oder war es 50, wolle er seinen ersten, eigenen Spielfilm gemacht haben. Viele warteten darauf, wie wenn sie von ihm erwarteten, dass er uns dann endlich einmal eine kleine Lektion im Geschichtenerzählen geben würde. Aber dazu ist es nie gekommen. Das kritische Denken war ihm lieber, natürlicher, angemessener. Er war besser im kritisieren, verändern, umstülpen, herumtüfteln als im selber machen. Das Selber-Erfinden war ihm zu kompliziert, entsprach nicht seiner Logik, nicht seinen Möglichkeiten. Seine Stärke war es, sich in in etwas hinein zu verbeissen, daran herumzufeilen, immer wieder neue Ecken und Enden zu suchen. Er brauchte das schon Vorhandene, das was andere vorgeben, etwas das es so schon gibt, nicht etwas, das man zuerst erfinden muss.

 

Wir haben uns dann etwas aus den Augen verloren, obwohl er in meiner Erinnerung immer da war, ich immer wieder an ihn dachte. Nicht ständig, aber von Zeit zu Zeit. Was macht er, wo steckt er, wie geht es ihm?

 

Nach seiner ersten Herzoperation ging ich ihn im Zürcher Kantonspital besuchen, sagte ihm zum x-ten Mal, er müsse jetzt endlich aufhören zu rauchen, in seinem Interesse, ob er das begriffen habe. Er hatte dafür nur ein müdes Lächeln übrig. Wenn es erlaubt gewesen wäre, hätte er schon in seinem weissen Spitalnachthemd im Bett liegend wieder das Rauchen aufgenommen. Ich gehe davon aus, dass er auch noch nachts im Bett lesenderweise eine Zigarette in der Hand hatte, wie mein Vater, der mit 61 an einem Lungenkrebs starb, oder wie Ingeborg Bachmann, die im Bett in Rom wegen ihrer Raucherei aus Versehen verbrannte. Und später hat der gute Georg dann auch weitergeraucht, wie wenn nichts geschehen wäre, in der Meinung, lieber angenehmerweise nicht allzu lange zu leben, als unangenehmerweise zu alt zu werden.

 

Zuletzt gesehen habe ich ihn in einem der beiden Canvas-Kinos in Solothurn im Januar 2012, bevor sie meinen „Vivaldi“ zeigten. Georg stand neben der Eingangstür, ich daneben im Gespräch mit jemanden, ich weiss nicht, ob er mich gesehen hatte. Wieder seine seltsame Scheuheit, als ich ihn plötzich neben mir sah, ohne dass er mich begrüsst hätte, wieder an eine Wand gelehnt, in seinem Trenchcoat, wie 40 Jahre zuvor. Ich freute mich, ihn zu sehen, wir wechselten einige Worte miteinander, ich ging davon aus, dass wir nach der Vorstellung etwas trinken oder sogar essen gehen würden. Er ging sich dann den Film anschauen und war nicht mehr zu sehen. Ich fragte mich, wohin er verschwunden war, ich hätte mit ihm reden, ihn fragen wollen wie es ihm geht, ihn zum Essen einladen.

 

Wie das Leben nun einmal ist, unsere Dummheit, wir vermissen unsere Freunde und Nächsten erst wirklich, wenn sie nicht mehr da sind, wenn wir sie für immer verpasst haben, wenn wir einmal begriffen haben, dass wir ihre Stimmen nie mehr hören werden. Manchmal stelle ich die Telefonnummer eines Verstorbenen ein und hoffe irgendwie, seine Stimme zu hören. Zum Beispiel von meinen zwei älteren Brüdern. Wie ich auch manchmal nachts träume, dass sich der Niklaus Meienberg gar nicht umgebracht, sondern sich einfach abgemeldet hat, irgendwohin verschwunden ist, weil ihm die Schweiz und die Schweizer zu blöd geworden sind, dass er auf einer pazifischen Insel oder im Schwarzwald lebt und dann eines Tages wieder zurückkommt und einfach wieder da ist, wenn auch zunächst inkognito, weil er sich verfolgt fühlt, wie wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Ich sage ihm dann jeweils im Traum, wenn ich ihn nach seiner Rückkehr wieder treffe: „Ich war mir immer sicher, dass du noch lebst, ich glaubte nie, dass du dich umgebracht hast, ich fragte mich immer bloss, wie lange es noch geht, bis du endlich wieder auftauchst.“

 

Georgs Telefonnumer: 361 58 05. Vielleicht werde ich ihn mal anrufen.